Montag, 22. April 2013

Uni-Hausaufgabe und andere Katastrophen

Hallo zusammen, 
manch einen mag es vielleicht interessieren, was dieses Semester so bei mir ansteht. Unter anderem besuche ich ein Seminar mit dem Thema "Katastrophennarration", wobei wir vergangene Woche die Aufgabe erhielten, eine medial wahrgenommene Katastrophe zu schildern/beschreiben/... Von Essay bis Aufsatz war alles möglich, der Dozent ließ uns freie Wahl bei der Form.
Naja und um nicht immer nur Essbares zu posten, zeige ich euch einfach mal, wie ich diese Aufgabe gelöst habe:

Sommer 2011.
Das Semester neigt sich dem Ende zu.
Zwischen ASTA-Sommerfest und bouq. dringen eines Abends zum ersten Mal die Bilder zu mir durch: Ein nicht enden wollender Tross von Menschen. Die Kamera gleitet über sie hinweg, vor ihnen, hinter ihnen - Wüste. Und Leere.
Irgendwann, in einem anderen Leben, war ihre Kleidung einmal bunt. Jetzt ist sie staubig, grau, ebenso grau wie ihre eingefallenen Gesichter. "Dürre" und "Hungerkatastrophe" höre ich den Reporter in sachlicher Tagesschau-Manier sagen.

Ich sitze mit einem Radler vor dem Fernseher, zergehe den ganzen Tag schon vor Hitze und genieße das eiskalte Getränk. Und irgendwie kann ich meinen Blick nicht vom Bildschirm wenden.
Ich trinke einen Schluck und mache den Bericht lauter. "Rund fünzehn Millionen Menschen sind in Somalia vom Hungertod bedroht", höre ich den Sprecher aus dem Off. Dazu senden sie Bilder von Müttern, die ihre Kinder mit sich ziehen, zerren, obwohl die Kleinen doch schon nicht mehr laufen können, ja, selbst atmen fällt schon schwer, wenn alles so voller Staub ist. Und so ganz ohne Hoffnung. Spindeldürre Beinchen, die den aufgeblähten Körper kaum mehr tragen können, laufen schon seit Stunden, Tagen, Wochen? Schritt um Schritt weiter. Und überall dieser verdammte Sand.

Schnitt.
Ein Flüchtlingslager. Auffangstation, hier gibt es Nahrung und medizinische Versorgung - streng rationiert, versteht sich.
Überall sind Kinder. In dem Zelt für die Kranken und ganz Schwachen liegen sie auf dem Boden, dünne Matratzen oder Stoffdecken unter sich. Handtellergroße Augen starren in die Kamera. Was draußen der Staub ist, sind hier drin die Fliegen. Überall.
Ich habe mal gehört, dass die Fliegen ihre Eier in den tränenden Augen der Kinder ablegen. Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber ich muss genau jetzt daran denken und mir wird schlecht.

Der Bericht ist fertig. Ich auch.
Ich bin sowieso nah am Wasser gebaut, flenne schon bei Geschichten von Astrid Lindgren oder "Watership down". Jetzt laufen mir Tränen über die Wangen, ich zerfließe vor Mitleid.
Das Radler ist mittlerweile warm geworden, getrunken habe ich davon schon seit einer halben Ewigkeit nicht mehr.
Ich fahre den Rechner hoch, gehe ins Netz.
"Dürre in Afrika. Die Kinder sterben zuerst." titelt die WELT online.
Noch mehr Bilder. Noch mehr Hoffnungslosigkeit.
Überfüllte Flüchtlingslager, überall Kinder, Sand und Fliegen.
 
In den nächsten Tagen werden die Bilder seltener.
Schnelle Welt und 2011 ist ein volles Jahr: Fukushima, EHEC-Hysterie und Guttenberg liegen hinter, der Jahrestag von 9/11 vor uns. Und die Ferien fangen bald an. Und hier ist es sowieso viel zu kalt...

1 Kommentar:

  1. Danke für den wirklich bewegenden Bericht. Ist gut, dass solche Dinge hin und wieder ins Gedächtnis gerufen werden, denn sie geraten leider viel zu schnell in Vergessenheit.
    Das zu nah am Wasser gebaut kann ich nur zu gut nachvollziehen. Was Empathie angeht, habe ich auch einiges (zu viel??) mitbekommen bei meiner Geburt! Gerade sitz ich im Büro, lese Deinen Artikel und die Tränen laufen über meine Wangen. Peinlich, kann aber nichts dagegen tun.
    Ich glaube, es ist vorallem die Hilflosigkeit... Weil man einfach nicht weiß, was man tun kann/soll/muss. Außer Geld spenden, das irgendwo auf dem Weg nach Afrika verpufft... Ich spende es trotzdem und wünschte ich könnte mehr tun...
    Ich danke Dir für diesen schönen, bewegenden Text!
    lg
    Petzi

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