Dienstag, 3. Dezember 2013

Von Müslischalen und gebrochenen Herzen

~~~Spoileralarm on~~~
Wer auf eine gehörige Portion Traurigkeit verzichten möchte, überspringe diesen Post bitte und bewundere weiterhin die Plätzchenrezepte, die dieser Tage kommen.
~~~Spoileralarm off~~~

Von Müslischalen und gebrochenen Herzen

Im vergangenen Winter, als der Boden noch gefroren war und weißer Raureif an den ersten Grashalmen klebte, um dem nahenden Frühling zu trotzen, entdeckte ich sie auf einem Flohmarkt. Sie leuchtete in einem satten Orange, türkise Ornamente schmiegten sich rundherum, Goldstaub funkelte im trüben Wintergrau und sie zog mich direkt in ihren Bann.
Der alte Verkäufer stand gebeugt hinter seinem Tischchen. Er fing meinen Blick auf, lächelte schelmisch und schob seine staubige Nickelbrille etwas hoch.
- Die Schale ist ja wunderschön! Wissen Sie, ich habe ein Faible für Müslischalen und nach einer solchen Schale suche ich schon lange. -
- Nun -, räusperte sich der Händler - diese Schale ist wirklich schön, aber ich möchte Sie gleich vorwarnen: Sie hat ein Loch nahe am Boden. Es ist nur klein, doch ich weiß nicht, ob Sie diese Schale als Müslischale brauchen können. -
Nun erst besah ich die Schale genauer. Eher oval als rund stand sie doch sicher auf dem wackeligen Tischchen. Ich nahm sie hoch, betrachtete sie genau von außen und innen und jetzt fiel auch mir das kleine Loch nahe des Schalenbodens auf, von dem der Alte gesprochen hatte.

Vielleicht war es naiv, doch ich wollte diese Schale unbedingt haben - koste es, was es wolle! Das Loch, so dachte ich, könnte ich später immer noch kitten.
So schlug ich in die ausgestreckte Hand des Alten ein, zahlte, nahm die Schale und verstaute sie sicher in meiner Tasche.

*

In den nächsten Wochen freute ich mich immer wieder über diesen Glückstreffer. Zunächst stand die Schale einfach im Schrank - viel zu schade, sie zu benutzen. Doch wie es so ist, irgendwann wollte ich mein allmorgendliches Porridge essen, alle anderen Schalen standen noch in der Spüle und so griff ich zu meinem orange-türkisen Goldstück.
Doch - oh Schreck! - ich hatte die Warnung des Verkäufers vollkommen vergessen: Langsam tropfte es aus meiner liebsten Schüssel und so gerne ich Zimtporridge auch esse, so ungern sah ich es nun Richtung Boden tropfen.
Ärgerlich leerte ich die Schale und besah sie später genauer. Das Loch hatte sich vergrößert, so schien es, und musste schnellstens gekittet werden.
Doch was ich auch versuchte - ich fand keinen Kleber, der diese Schale hätte reparieren können.

Die Schale stand weiterhin im Schrank. Immer wieder nahm ich sie heraus, wollte sie füllen, hatte ihren Makel vergessen und immer wieder floss es aus der Schale heraus.
Das Loch sah immer größer aus, je häufiger ich hineinsah.

 *

So ging es einen Sommer lang. Der Herbst brach an und die Blätter leuchteten ebenso orange wie die Schale, die ich mittlerweile nicht mehr gerne in meinem Schrank wusste. All die Versuche, sie zu reparieren, waren gescheitert, ich war enttäuscht und frustriert - und irgendwie auch wütend auf mich selbst. Der Verkäufer hatte es mir ja schon zu Anfang gesagt - wäre ich nur an jenem Wintertag klug genug gewesen, die Schale stehen zu lassen.

Erst als der Herbst sich dem Ende neigte, verstand ich es endlich: Eine Müslischale mit Loch kann so reizend aussehen, wie sie will - wenn ich immer und immer wieder versuche, sie zu füllen und es nicht kann, dann sollte ich die Schale einfach Schale sein lassen - es gibt schließlich hunderte von Flohmärkten und noch viel mehr Müslischalen, die vielleicht nicht die gleiche charmante Kombination aus flammendem Orange, funkelndem Türkis und märchenhaftem Gold kennen, aber dennoch sehr hübsch sein können.

*

Die Müslischale steht nun nicht mehr in meinem Schrank. Ich habe Platz gemacht für neue Schalen, aber noch ist ihr Platz frei und manchmal, wenn ich auf den leeren Fleck zwischen Tellern, Tassen und Schüsselchen blicke, übermannt mich eine unbestimmte Traurigkeit.

*

Manchmal ist eine Müslischale eine Müslischale.
Und manchmal ist eine Müslischale mehr als das.



Kommentare:

  1. *virtuelle Umarmung* Das hast du wunderschön geschrieben! :') Du findest bestimmt eine lochfreie Müsli-Schale, die zwar nicht flammend orange, dafür aber leuchtend violett, zwar nicht funkelnd türkis, dafür aber glitzernd blau und zwar nicht märchenhaft gold, dafür aber märchenhaft silber ist, und mit der du dann dein Zimtporridge richtig genießen kannst! :)

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  2. blöde müslischale... warum mußte sie auch ein loch haben?
    tja, ein schöner teller allein macht eben nicht satt, nicht wahr ;-)
    liebe frau schulz - das wird schon wieder!

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  3. Loslassen und Platz für Neues machen, kann schon traurig sein, aber die Freude ist sicher umso größer wenn du DIE Müslischale (ohne Loch) gefunden hast. Wenn du dir keine Gedanken mehr um das auslaufende Müsli machen musst, fängt der Tag auch gleich viel schöner an. ;)
    Alles Liebe!

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  4. Ach, eine so wunderschön geschriebene Geschichte über eine so besondere Müslischale. Was ist mit ihr passiert? Gibt es sie noch? Würde gerne versuchen, sie zu reparieren. M a K a B'see.

    (Per Mail von Mari erhalten - Danke an Mari für diesen lieben Kommentar - und danke euch allen für eure lieben Worte.
    Frau Schulz)

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  5. Wow, du hast echt einen wunderschönen Schreibstil, Frau Schulz! Tolle Geschichte - wobei ich mir sicher bin, dass es dabei nicht nur um die Müslischale geht!
    Würde mich sehr über weitere schöne Geschichten von dir freuen - vor allem im Winter sitzt man ja gerne drinnen in der Wärme und freut sich über schöne Stunden mit Keksen und Geschichten :)
    Liebe Grüße
    Laura

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  6. Liebe Frau Schulz,

    ich umarm dich ganz fest in Gedanken! Du wirst bestimmt eine Müslischale finden, ohne Loch, die schöner ist als die mit Loch.
    Liebe Grüße,
    Jess

    P.s. Die Geschichte ist wirklich schön, solltest öfter schreiben :)

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  7. Ach mein liebes Frau Schulzchen, drück dich ganz fest......wirst sehen schon bald findet sich einen neue Müslischale ohne Loch in deinem Schrank mit der du viel Freude haben wirst.

    schick dir ein dickes Bussal
    Alex

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