Mittwoch, 26. August 2015

„Ich habe nichts gegen Flüchtlinge, aber...“

Vor einiger Zeit wartete ich mit ein paar Leuten, die ich vom Sehen her kannte, vor dem Tierheim. Am Rande bekam ich ein Gespräch mit, während dessen sich der eine über seine Nachbarin beschwerte, die, wie er anmerkte, Polin sei und ihn bei seinen Beschwerden kaum verstünde. Der andere meinte darauf hin, dass er die ja gerne mal besuchen könne: mit seiner neuen Frisur (sprach er und lüpfte seine Mütze, sodass man seine Glatze darunter erahnen konnte) und ganz in Schwarz  hätte sie dann vielleicht endlich Respekt. Und wenn das nicht reichen sollte, könne er den Auftritt auch noch mit der passenden Musik unterlegen. 'Welche Musik denn?', fragte der erste. 'Landser“, kam wie aus der Pistole geschossen.
Bereits zu Beginn des mehrminütigen Gespräches wurde mir wegen der aggressiven Stimmung flau im Magen. Als der zweite jedoch mit der Nennung der als "Rechtsrock"-Band 'Landser' ganz offensichtlich seine Gesinnung offenbarte, drehte ich mich zu den beiden um und platzte heraus: „Das ist doch Nazischeiße!“ Alle Umstehenden schwiegen, traten von einem Fuß auf den anderen, schauten auf den Boden. Die Situation war unangenehm. „Ist doch wahr, das ist Nazischeiße“, legte ich nach, drehte mich dann zu Herrn Fuchs um und starrte angestrengt auf die Tierheimtür. Ich weiß nicht, was mir in dem Moment unangenehmer war: dass kein anderer etwas dazu gesagt hatte oder dass ich mir so einen Blödsinn heutzutage überhaupt noch anhören muss.

In den letzten Monaten nehme ich zunehmend Menschen wahr, die in ihrem Alltagsrassismus andere diffamieren und verunglimpfen, zugleich aber Wert darauf legen, keine Rassisten zu sein. „Ich habe ja nichts gegen Flüchtlinge, aber...“, „Ich bin kein Rassist, aber...“, „In anderen Ländern darf man wenigstens noch stolz auf sein Vaterland sein, hier in Deutschland aber...“ und ähnliche Parolen hört und liest man mittlerweile alle Nase lang. Und ganz ehrlich: mir wird körperlich schlecht, wenn ich mir solch einen Quatsch anhören/anlesen muss!

Ich habe Geschichte studiert und das unsägliche Grauen in den Taten der Nationalsozialisten in den dreißiger und vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ist mir vielleicht durch mein Studium präsenter als anderen. Doch ich muss nicht knapp 80 Jahre zurückgehen, um menschenfeindliche Strukturen und Handlungen zu entdecken: Kriege toben auch heute noch auf der Welt.Genau jetzt stirbt ein Mensch an den unmittelbaren Folgen eines Krieges...

Wir haben (fast) alle das große Privileg, in einer Welt zu leben, in der wir keinen Krieg kennen. Ich musste nie um mein Leben laufen, nie habe ich mich mit dem Gebrauch einer Schusswaffe beschäftigen müssen, um mich oder meine Liebsten zu schützen. Nie musste ich mich tagelang in einem Bunker verstecken, während über mir die Bomben fielen. Nie musste ich aufgrund meiner Hautfarbe, meiner Sexualität, meines Geschlechts oder meiner Meinung den Tod fürchten.
Und verdammt – ich finde, jeder einzelne Mensch auf dieser Erde hat das Recht, in Frieden, Liebe und ohne Gewalt leben zu dürfen!
Und wenn das in dem Land, in dem man geboren wurde, nicht mehr möglich ist, dann sind wir anderen, die wir in friedlicheren Ländern, in wohlhabenderen Ländern, in privilegierteren Ländern leben, dazu VERPFLICHTET all jenen zu helfen, die in ihrem eigenen Land nicht mehr sicher sind. Und wir sind dazu VERPFLICHTET, diesen Menschen, die mit kaum mehr als der Kleidung am Leib, die nach wochenlanger Flucht über Land oder auf Schaluppen über das Mittelmeer nach Europa, nach Deutschland kommen, getrieben von der Hoffnung, hier Frieden zu finden, diesen ersehnten Frieden zu geben! Es ist nicht ihr Krieg, vor dem sie fliehen!
Wir alle müssen Fremden helfen, dass sie hier heimisch werden. Dass sie hier die Sicherheit finden, die ihre frühere Heimat ihnen nicht mehr geben konnte. Dazu gehört auch, dass ihre Unterkünfte NICHT ANGEZÜNDET werden, dass sie keine Angst haben müssen, auf der Straße von Menschen, die „eigentlich ja nichts gegen Ausländer“ haben angegriffen, verhöhnt oder beleidigt zu werden.

Und nun etwas Überraschendes:
Genau das gleiche gilt auch für alle anderen Menschen, die in unser Land einwandern. Surprise, surprise – manchmal braucht es gar keinen Krieg, um im eigenen Land keine Chancen mehr zu sehen. „Wirtschaftsflüchtlinge“, die aufgrund der häufig menschenverachtenden Produktionsbedingungen in ihren Herkunftsländern auf eine bessere Zukunft in Deutschland hoffen, die ihren Kindern eine schulische Bildung oder eine angemessene medizinische Versorgung ermöglichen wollen, die hoffen, in unserer Demokratie ein staatliches System zu finden, in dem sie ohne Angst ihre Meinung sagen dürfen – auch diese Menschen sollten hier selbstverständlich willkommen sein. Ich stelle mal die gewagte Behauptung auf, dass niemand gerne und ohne Weiteres seine Heimat, sein soziales Netzwerk, seine Angehörigen, seine(n) Partner(in), sein Zuhause verlässt, um in Deutschland ein paar Monate in einer Zeltstadt oder einem Asylheim zu verbringen. Denn – oh Wunder! - ebenso wenig wie die Flucht über das Mittelmeer ein Abenteurtrip ist, sind Flüchtlingsunterkünfte die Basis eines Cluburlaubs mit All-inklusive-Standard!

Es macht mich gleichermaßen traurig und wütend, wenn Menschen, die in Deutschland Schutz vor Krieg, Verfolgung oder wirtschaftlicher Not suchen, abgewiesen, beleidigt, verunglimpft, bedroht werden. Und zugleich ist die aktuelle Situation eine weitere Möglichkeit, eigenes Verhalten zu reflektieren: Wo kann ich helfen? Wo Ungerechtigkeit bekämpfen? Wem stelle ich mich entgegen und wofür möchte ich kämpfen?
Ich möchte, dass meine Kinder in einer Welt leben, in der Hautfarbe, Herkunft, Geschlecht und Sexualität keine Rolle mehr spielen. Ich möchte, dass wir beginnen, endlich global sozial zu denken. Ich wünsche mir, dass niemand mehr aus seiner Heimat fliehen muss, ganz gleich aus welchem Grund. Ich wünsche mir, dass wir gerechte Löhne und gesellschaftliche Strukturen überall auf der Welt haben, die auch „Wirtschaftsflucht“ unnötig machen. Ich möchte, dass wir jeden Menschen mit offenen Armen empfangen, selbst wenn er keinen offensichtlichen Grund als „Entschuldigung“ hat, um einzuwandern. Ich wünsche mir, dass wir die Vielfalt der Kulturen als Geschenk und nicht als Bedrohung wahrnehmen.
Und ich BETE, dass weder ich noch meine Kinder jemals in die Situation kommen, aus unserer Heimat fliehen zu müssen – und sollte dies nicht in Erfüllung gehen, hoffe ich, dass die Menschen in unserer neuen Heimat offener und aufgeklärter sind als einige „Ich habe nichts gegen __(Beliebiges einsetzen)__, aber...“-Sager hierzulande.

Es ist an uns allen, diese Welt zu einem l(i)ebenswerten Platz zu machen.

Für die Menschen. Für die Tiere.

Kommentare:

  1. Toller Beitrag! Ich bin voll und ganz Deiner Meinung!
    Ich bin sehr gespannt (und auch etwas ängstlich) wie es weiter geht und was uns und die Welt in der Zukunft alles noch erwartet.

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  2. Liebe Frau Schulz!

    Du sprichst mir mit Deinen Worten aus der Seele. Ich freue mich immer, wenn ich, wie bei Dir gerade, merke, dass ich mit meiner Meinung nicht allein bin unter all den Dumpfbacken ringsrum…Danke!
    LG Nicole
    www.jopaskatze.blogspot.de

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  3. danke für den tollen beitrag, ich bin da komplett deiner meinung und kann es nicht nachvollziehen, wie man fremdenhass betreiben kann, für flüchtlinge die genauso wie wir nur menschen sind
    xoxo

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  4. Danke, dass es Menschen wie dich gibt, die Menschen wie mir das Gefühl geben mit ihrer Meinung nicht allein zu sein. Jeder der solche rassistischen Äußerungen von sich gibt, sollte einmal ein deutsches Asylheim besuchen, sich die Lebensbedingungen dort ansehen und mit den Menschen dort sprechen. Danach sollte jedem Menschen klar sein, dass Asylsuchende nicht zum Spaß herkommen und dass die Lebenssituation in diesen Heimen eigentlich untragbar ist. Wenn Deutsche in solchen "Unterkünften" leben müssten, würden sofort Fernsehen und Presse eingeschaltet, um über die fatalen Umstände zu berichten. Bei Flüchtlingen aber wird gesagt, sie wollen doch froh sein ein Dach über dem Kopf zu haben etc. etc..

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  5. Liebe Noël,

    danke für diesen Post!!

    Mir geht in letzter Zeit sehr oft Ähnliches durch den Kopf... Deutschland ist ein Industrieland, wir leben im Wohlstand, jeder, der sich glücklich schätzen kann, hier geboren zu sein, ist in Sicherheit. Vielen ist das gar nicht begreiflich - ihnen ist meist selber gar nicht klar, auf wessen Kosten es uns hier so gut geht!! Jetzt ist es an der Zeit, andere Länder zu unterstützen und sie aufzubauen, und ganz sicher nicht, sich über Flüchtlinge, die Opfer eines Systems, von Kriegen oder religiösen Verfolgungen sind, zu beschweren und zu sagen "wie gut sie es haben". Niemand will wohl mit ihnen tauschen!!

    Dass du bei der Situation vor dem Tierheim deine Meinung gesagt hast, finde ich echt mutig!! Ich hätte es mich wahrscheinlich nicht getraut und hätte womöglich ganz schnell meine Beine in die Hand genommen...

    Alles Liebe,
    Laura

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  6. Sehr sehr gut! Und ich hätte vorm Tierheim ebenfalls was gesagt, also alles richtig gemacht!

    :-*

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  7. Danke für diesen Artikel - er steht auch absolut für das was ich denke. Ich empfinde es auch als meine Pflicht zu helfen und kann einfach nicht verstehen, warum sich manche Menschen von diesen armen Flüchtlingen bedroht fühlen. Das kann doch nur an unsäglicher Dummheit liegen.

    Ich finde es auch toll, dass du was gesagt hast - aber traurig, dass alle Umstehenden kein bißchen reagiert haben.

    lg Irene

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  8. Nichts Sagen, Dulden, Schweigen ist keine gute Lösung.
    Angst fressen Seelen auf.
    Mögen deine Bitten und Gebete erhört werden.
    Mm

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  9. In einer Diskussion hörte ich jüngst, dass doch eher von Vertriebenen statt von Flüchtlingen zu sprechen sei - dann könnte ja die CSU sich auch mal für diese Menschengruppe einsetzen. Und woanders hörte ich, dass ein Syrer zur Zeit als "Deutsche Flüchtlinge" vor rund 25 Jahren in Europa unterwegs waren, in der westdeutschen Botschaft in Damaskus ein Monatsgehalt für die Versorgung der DDR-Flüchtlinge spendete. Viele helfen den Flüchtlingen derzeit an allen Ecken und Kanten unseres Systems, das gibt Hoffnung.
    ER

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  10. Hast du sehr gut auf den punkt gebracht. Ich kann das auch nicht mehr hören und sehen, es hängt mir zum Halse raus. Zum Glück gibt es aber auch viele die nicht so denken wie diese Schwachköpfe!

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